Kinderlähmung (Poliomyelitis)

Empfohlene Impfungen nach der Ständigen Impfkommission (STIKO) 2016

Kinderlähmung (Polio, Poliomyelitis)

Erkrankung

Poliomyeltitis kommt in den Ländern Afghanistan und Pakistan noch dauerhaft vor.
Diese Infektionskrankheit betrifft zwar am häufigsten Kinder im Alter von drei bis acht Jahren, gelegentlich aber auch ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene.
Das Poliovirus wird über Stuhl von infizierten Menschen ausgeschieden.
Durch fäkal-orale Aufnahme der Polioviren gelangt dieses in den Darm der infizierten Person, was meist ohne Beschwerden bleibt. Bei wenigen infizierten Menschen verteilt sich das Poliovirus über die Blutbahn im Körper, wobei es im Rückenmark die Nervenzellen zerstören kann, die die Muskeln innervieren. Die Folge sind schlaffe Lähmungen, insbesondere in den Beinen. Bei Beteiligung des Gehirns können lebensgefährliche Atem- und Schluckbeschwerden vorkommen.

Der beste und sicherste Schutz gegen Poliomyelitis ist die Impfung.

Erreger

Polioviren

Der Mensch ist praktisch das einzige Reservoir der Polioviren, wobei Polioviren auch bei Menschenaffen nachgewiesen wurden. Das Poliovirus wird von infizierten Menschen über den Kot ausgeschieden. In der Regel erfolgt die Übertragung über verschmutzte Hände oder über kontaminiertes Wasser bei schlechten hygienischen Bedingungen. Darüber hinaus ist eine direkte Ansteckung von Mensch zu Mensch über Tröpfchen grundsätzlich möglich.

Vorkommen

Poliomyelitis kommt noch in zwei Ländern (Afghanistan, Pakistan) dauerhaft vor. Es besteht immer noch die Gefahr, dass das Poliovirus von dort von infizierten Reisenden in andere Länder getragen wird.

Im Jahr 2015 wurden weltweit nur noch ca. 100 Fälle registriert. Das Ziel ist die völlige weltweite Ausrottung dieser Infektionskrankheit in naher Zukunft.

Beschwerden

Die Dauer vom Zeitpunkt der Infektion bis zum erstmaligen Auftreten von Symptomen beträgt in der Regel ein bis drei Wochen.

Symptome:

- Durch fäkal-orale Aufnahme der Polioviren gelangen diese in den Darm der infizierten Person, was meist ohne Beschwerden bleibt. Seltener kommt es zu Fieber, Durchfall und Erbrechen.
- Bei wenigen infizierten Menschen verteilt sich das Poliovirus über die Blutbahn im Körper, wobei es im Rückenmark die Nervenzellen zerstören kann, welche die Muskeln innervieren. Die Folge sind schlaffe Lähmungen, insbesondere in den Beinen.
- Bei Beteiligung des Gehirns können Sprech-, Atem- und Schluckbeschwerden vorkommen, die mit einer hohen Sterblichkeit einhergehen.

In der Regel bilden sich die akuten Beschwerden zurück. Bei einem geringen Teil der Patienten bleiben Dauerschäden wie Gelenkschäden, deformierte Beine und Füße und Wachstumsstörungen zurück. 

Bei den Patienten ohne Lähmungen ist die Prognose gut. Bei den Patienten mit Lähmungen liegt die Sterblichkeit bei ca. 10%.

Medizinische Versorgung

Die Verdachtsdiagnose „Poliomyelitis“ kann bei den typischen Lähmungen auch klinisch gestellt werden. Die spezifische Diagnose gelingt durch Antikörper-Tests und Tests zum Nachweis der Erbsubstanz (DNA) des Poliovirus. Bei Poliomyelitis gibt es keine grundsätzliche Therapie. Die beste Prophylaxe gegen Poliomyelitis ist die Impfung.

Impfung

Seit 1955 gibt es Impfstoffe gegen Poliomyelitis. In Deutschland sind zurzeit (Mai 2016) folgende Impfstoffe gegen Poliomyelitis erhältlich:
-Drei verschiedene Monokomponentenimpfstoffe (Einzelimpfstoffe)
-Acht verschiedene Kombinationsimpfstoffe für Kinder.
-Vier verschiedene Kombinationsimpfstoffe für Erwachsene.

Weltweit kommen gegen Poliomyelitis Tot- (IPV) und Lebendimpfstoffe (OPV) zum Einsatz. In Deutschland wird seit 1999 nur noch der sehr sichere Totimpfstoff (IPV) gegen Poliomyelitis verwendet.

Die Impfung gegen Poliomyelitis ist in Deutschland eine Standardimpfung, die allen Menschen im Alter ab zwei Monaten empfohlen wird. Die Grundimmunisierung besteht aus vier Impfungen im Alter von:
-zwei Monaten
-drei Monaten
-vier Monaten
-11 bis 14 Monaten

Im Alter von ein bis fünf Jahren erfolgt nach regelhaft erfolgter Grundimmunisierung bei Kindern keine Auffrischimpfung. Eine einmalige Auffrischimpfung erfolgt im Alter von neun bis 17 Jahren. Eine routinemäßige Auffrischimpfung wird im Erwachsenenalter nicht empfohlen.

Für folgende Personen stellt die Impfung gegen Poliomyelitis eine Indikationsimpfung dar:
- Reisende in Regionen mit Infektionsrisiko (die aktuelle epidemiologische Situation ist zu beachten, insbesondere für Asien)
- Aussiedler, Flüchtlinge und Asylbewerber, die in Gemeinschaftsunterkünften leben, bei der Einreise aus Gebieten mit Poliomyelitis-Risiko

Für folgende Personen stellt die Impfung gegen Poliomyelitis eine Impfung auf Grund eines erhöhten beruflichen Risikos dar:
- Personen der oben genannten Einrichtungen
- Medizinisches Personal, das engen Kontakt zu Erkrankten haben kann
- Personen in Laboren mit Poliomyelitis-Risiko

Die Auffrischimpfung sollte mit einer Tetanus-Diphtherie-Keuchhusten-Poliomyelitis-Kombinationsimpfung erfolgen.

Alle Personen mit fehlender oder unvollständiger Grundimmunisierung und ohne einmalige Auffrischimpfung sollten Nachholimpfungen erhalten. Die Nachholimpfungen gegen Poliomyelitis können jederzeit durchgeführt werden.
Bei regelhaft erfolgter Grundimmunisierung ist eine erneute Grundimmunisierung gegen Poliomyelitis nicht notwendig, auch wenn diese seit Jahrzenten zurückliegt. Eine einmalige Auffrischimpfung ist hierbei ausreichend.

In Deutschland gibt es keine allgemeine Impfpflicht. Derzeit (Mai 2016) verlangen nur Saudi-Arabien bei einreisenden Kindern unter 15 Jahren aus Polio-Risikoländern und Indien bei allen Einreisenden aus Polio-Risikoländern die Polioimpfung.
Generell sollte vor jeder geplanten Impfung bei Schwangeren eine genaue Risiko-Nutzen-Abwägung erfolgen. Eine Totimpfung gegen Poliomyelitis bei einer Schwangeren gilt als „eher unbedenklich“.

Verfasser und Kontakt

Privatdozent Dr.med. Karl-Heinz Herbinger, Facharzt für Arbeitsmedizin, Tropenmedizin.
E-Mail: herbinger@lrz.uni-muenchen.de

Stand:
23.Mai 2016